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Jeder gestohlene Morgen
Was geschieht mit der Freude, wenn sie in die falschen Hände gerät?
Jessica Hintz(0)
About
• Das Gesicht und die nackten Schultern einer jungen Frau ragen aus der Bildmitte hervor. Die fotorealistische Darstellung mit ihren weichen, malerischen Konturen lässt die Grenze zwischen Porträt und Illustration verschwimmen. Ihr Ausdruck spiegelt tiefe, stille Erkenntnis wider, nicht etwa Angst oder Qual - die Augen sind offen und leuchtend, der Blick leicht nach oben und links gerichtet, als sähe sie etwas jenseits des Bildausschnitts, nach dem sie lange gesucht hat, ohne es benennen zu können. Ihr Gesicht verrät keine Anspannung, keine Dramatik - nur die besondere, erschütternde Stille einer Person, die sich an etwas Enormes erinnert. Ihr dunkles Haar, am Oberkopf üppig und detailreich, löst sich an den Spitzen in feine, federleichte Strähnen auf, die nahtlos und ohne sichtbare Grenze in die Stängel und Blütenblätter von Sonnenblumen übergehen. Die Blüten erblühen in tiefen, satten Gold-, Bernstein- und warmen Ockertönen aus ihrer Silhouette in den oberen Bildecken. Ihre großen, runden Köpfe sind einer Lichtquelle zugewandt, die sich über und hinter ihr befindet, so wie sich Blumen stets dem Licht zuwenden, als würden auch sie nach etwas greifen, für das sie geschaffen sind. Die Sonnenblumen füllen die oberen Ecken mit einer Fülle, die eher verdient als dekorativ wirkt. Ihre Blütenblätter fangen das Licht mit der besonderen Lebendigkeit von Dingen ein, die vollkommen und unverhohlen lebendig sind. Die Lichtquelle selbst ist nicht sichtbar, doch ihre Wirkung ist allumfassend - sie taucht den gesamten oberen Bildbereich in ein warmes, leuchtendes Nachmittagslicht, das die Qualität einer besonderen Erinnerung in sich trägt, einer Erinnerung, die nicht als Bild, sondern als Gefühl in uns präsent ist, das Gefühl eines besonderen Nachmittags, der von größerer Bedeutung war, als man damals ahnte. Ihre Haut wirkt in diesem Licht durchscheinend - als würde sie ein wenig fester, präsenter, konkreter, als würde das zurückkehrende Licht sie nach langer Abwesenheit wieder zu sich selbst zurückführen. Wo die Sonnenblumen auf ihr Haar treffen, gibt es keine Naht, keinen sichtbaren Übergang, nur eine allmähliche und bewusste Verschmelzung von Mensch und Pflanze, die darauf hindeutet, dass sie einen gemeinsamen Ursprung haben, dass die Frau und die Blumen aus derselben vergrabenen Wurzel im selben dunklen Boden entsprungen sind und nun gemeinsam emporstreben, dem gleichen Gold entgegen. Von ihrem Schlüsselbein abwärts beginnt das warme, goldene Licht mit äußerster Sanftheit abzukühlen und zu verblassen - es wandelt sich von einem gedämpften Bernstein zu einem ruhigen, tiefen Schieferblaugrau, das die emotionale Temperatur des frühen Morgens oder der späten Abenddämmerung in sich trägt, die Stunde zwischen den Zuständen, die Stunde, die weder zur Nacht noch zum Tag gehört. Diese Abkühlung verstärkt sich noch, je weiter der Blick zum unteren Bildrand wandert. Die Schiefertafel löst sich in ein fast vollständiges, samtiges Dunkel auf, das untere Drittel der Komposition ist beinahe leer und lässt nur eine schwache Andeutung von Oberflächenstruktur erkennen - wie die Oberfläche stillen Wassers in der Abenddämmerung, wie das Innere eines noch unbeleuchteten Raumes. Der Leerraum im unteren Bereich ist großzügig und bewusst gestaltet und wirkt nicht wie Leere, sondern wie Potenzial, wie der angehaltene Atemzug vor einem gesprochenen Wort, wie der Moment, bevor eine Hand ergriffen und nicht mehr losgelassen wird.
